Werkschau Yang Yonghi — Neues asiatisches Kino München

Die 1964 in Osaka geborenen Filmemacherin Yang Yonghi 양영히entstammt einer koreanischen Familie in Japan, die das kommunistische Regime in Nordkorea unterstützt. 1971 schickte der Vater ihre drei älteren Brüder nach Pjöngjang, um den Aufbau des sozialistischen Staats voranzutreiben. Sie konnten das Land seitdem nicht mehr verlassen. Als einzige Tochter blieb Yang Yonghi mit ihren Eltern in Japan und erhielt dort eine nordkoreanische Ausbildung, bis sie 1997 zum Filmstudium nach New York ging. Nach ihrer Rückkehr entstanden die beiden Dokumentarfilme DEAR PYONGYANG (2005) und SONA, THE OTHER MYSELF (2009) sowie mehrere Bücher, in denen sie ihre Familiengeschichte aufarbeitet. 2011 inszenierte sie ihren ersten Spielfilm OUR HOMELAND, der als japanischer Oscar-Beitrag ins Rennen geschickt wurde.

Die Filme von Yang Yonghi beschreiben auf anrührend persönliche Weise, wie die koreanische Teilung – eine Folge des Kalten Kriegs – bis heute das Leben von Individuen und ihren Familien auf der ganzen Welt beeinflusst.

Die Regisseurin ist zu Gast in München und wird nach den Vorführungen Fragen zu ihren Filmen beantworten.

Programm

Do, 12.1.
20:00 Uhr
Fr, 13.1.
20:00 Uhr
Sa, 14.1.
20:00 Uhr
So, 15.1.
20:00 Uhr
Mo, 16.1.
20:00 Uhr
Di, 17.1.
20:00 Uhr
Mi, 18.1.
20:00 Uhr

*In Anwesenheit von Yang Yonghi

Werkstattkino
Fraunhoferstraße 9, 80469 München
Tel. 089 / 260 72 50
Eintritt: 6 €

Filme

In ihrem ersten langen Dokumentarfilm erforscht die in Japan geborene Koreanerin Yang Yonghi die blinde Treue ihres Vaters zum nordkoreanischen Regime und ihren eigenen Widerstand dagegen. Als Jugendlicher emigrierte ihr Vater von der südkoreanischen Insel Cheju nach Japan. Seine Erfahrung mit der japanischen Besatzung, der nachfolgenden Teilung Koreas sowie des Koreakriegs ließen ihn zum bekennenden Nordkoreaner und Anhänger Kim Il Sungs werden. 1971 schickte er —als höchstes ideologisches Opfer— seine drei Söhne, 14, 16 und 18 Jahre alt, nach Pjöngjang. Dreißig Jahre später untersucht die Regisseurin, sein jüngstes Kind, aufgewachsen mit den Vorzügen des modernen Japan, die Gründe für diese radikale Entscheidung. Das Videomaterial, das sie auf ihren Reisen nach Nordkorea drehte, bietet einzigartige Einblicke in das nordkoreanische Alltagsleben der 90er Jahre.

Dokumentarfilm 107 min, Japan 2005, Buch, Regie und Kamera: Yang Yonghi, Schnitt: Nakawoo Akane, Sprachfassung: Japanisch und Koreanisch mit englischen Untertiteln

«Ohne Angst vor der Vielschichtigkeit der Situation erzählt Yang eine Vater-Tochter-Geschichte vor dem Hintergrund der geografischen und geistigen Diaspora, eine Geschichte der politischen und und der persönlichen Aufopferung.»

Caroline Libresco

SONA, THE OTHER MYSELF ist Yang Yonghis zweite filmische Auseinandersetzung mit ihrer nordkoreanischen Familie. Diesmal konzentriert sich die Erzählung auf ihre Nichte Sona, deren Heranwachsen die Filmemacherin bei ihren Familienbesuchen in Pjöngjang begleitet hat. Ihre Begegnungen brechen abrupt ab, als Yang Yonghi nicht mehr nach Nordkorea einreisen darf.

Dokumentarfilm, 82 min, Japan, Republik Korea 2009, Buch, Regie und Kamera: Yang Yonghi, Schnitt: Jang Jin, Sprachfassung: Koreanisch und Japanisch mit englischen Untertiteln

«Die seltenen Familienzusammenkünfte in Pjöngjang, die der Film liebevoll über mehr als eine Dekade beobachtet, wirken kaum einmal unbeschwert. Über jedem Ausflug, jeder gemeinsamen Mahlzeit lastet der bevorstehende Abschied. Das Softeis und die Pasta, im nordkoreanischen Intershop mit japanischen Yen bezahlt, haben nichts minder Gezwungenes als die Hymnen auf den großen Führer, die Sona schon im Vorschulalter singt. Der Film erzählt von der Sehnsucht nach wirklicher Gemeinschaft und weiß, dass es die nicht gibt.»

Christoph Terhechte

Auch in ihrem Spielfilmdebüt OUR HOMELAND verarbeitet Yang Yonghi Elemente ihrer eigenen Familiengeschichte. Im Mittelpunkt des Films steht das Mädchen Rie (Ando Sakura), Tochter in einer nordkoreatreuen Familie in Japan, die ihren älteren Bruder Sonho (Iura Arata) nach Nordkorea entsandt hat. Dieser ist schwer krank und bekommt die Erlaubnis, für einige Monate nach Japan zurückzukehren, um sich einem medizinischen Eingriff zu unterziehen. Während seines Aufenthalts wird die Beziehung der Geschwister auf die Probe gestellt.

Spielfilm, 100 min, Japan 2012, Buch und Regie: Yang Yonghi, Kamera: Toda Yoshihisa, Darsteller: Ando Sakura, Iura Arata, Yang Ik-june, Miyazaki Yishiko, Tsukayama Masane, Sprachfassung: Japanisch und Koreanisch mit deutschen Untertiteln

«Es fällt schwer, sich der emotionalen Komponente der Geschichte zu entziehen. Doch die Regisseurin legt den Fokus nicht auf Melodramatik. Ihr geht es um zwei Menschen, die der Lauf der Geschichte mit extrem unterschiedlichen Perspektiven ausgestattet hat. Während Sonhos Weg vorgezeichnet ist, erkennt Rie, dass ihr alle Möglichkeiten offenstehen. Auch die, gegen die eigene Familie zu rebellieren.»

Christoph Terhechte

Kannst du etwas über den Entstehungsprozess von DEAR PYONGYANG erzählen?

Es hat zehn Jahre gedauert, DEAR PYONGYANG zu machen. Manche Filmemacher arbeiten sehr schnell, aber ich gehöre nicht dazu. Es begann damit, dass ich anfing, meine Familie zu betrachten. Ich habe erst langsam verstanden, welch große Bedeutung der Verlust meiner Brüder für mich hatte. Ich hatte das verdrängt, aber als ich begann, mit meinem Vater zu sprechen, kamen die Erinnerungen wieder hoch.
Bevor ich mit den Dreharbeiten begann, haben wir in der Familie sehr wenig miteinander gesprochen, besonders mein Vater und ich. Aber nachdem ich mich entschieden hatte, einen Film zu machen, habe ich mich bemüht, ihm näher zu kommen. Am Anfang war er total misstrauisch, aber gleichzeitig hat er sich auch darüber gefreut. Und so sind wir miteinander ins Gespräch gekommen.
Während der Dreharbeiten war ich hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis, ehrlich zu sein, und dem, meine Familie zu schützen. Und als ich mit dem Schnitt begann, hatte mein Vater einen Herzinfarkt. Ich bin zwischen dem Krankenhaus in Osaka und dem Schneideraum in Tokyo hin- und hergependelt. Im Schneideraum sah ich meinen Vater singen und Witze machen und im Krankenhaus … er ist damals nicht gestorben, aber ich habe immer daran gedacht, dass ich ihn verlieren könnte. Ich habe viel geweint und sehr viel getrunken in dieser Zeit. Sie lacht.

Nach DEAR PYONGYANG durftest du nicht mehr nach Nordkorea einreisen…

Als ich zum ersten Mal eine Videokamera nach Nordkorea mitgenommen habe, wussten die Beamten nicht einmal, was eine Videokamera ist. Sie dachten, es sei eine große Photokamera. Aber später haben sie mich immer gefragt, warum ich so viele leere Videokassetten mitbringe. Ich habe versucht zu erklären, dass das mein Tagebuch sei, aber die Antwort genügte ihnen nicht. Mein ganzes Material wurde gecheckt. Aber sie hatten keine Vorstellung davon, dass man Dokumentarfilme auf ganz unterschiedliche Weise machen kann. Nach DEAR PYONGYANG haben sie kapiert, dass die Zensur überhaupt nichts nützt. Natürlich drehen viele Leute mit der Genehmigung der Regierung Dokumentarfilme in Nordkorea, aber das interessiert mich nicht.

Es gab hier in Europa in den letzten Jahren eine Art Welle von Dokumentarfilmen, die mit der Erlaubnis der nordkoreanischen Regierung gedreht wurden. Aber deine Filme haben diesen besonderen Zugang durch deine Familie…

Ich wollte nie einen Film über Nordkorea machen. Ich interessiere mich eigentlich überhaupt nicht für Nordkorea oder für politische Themen. Mir ist diese Kim-Familie sowas von egal! In meinen Dokumentarfilmen geht es um meine eigene Familie. Es ist eine großartige Familie mit tollen Charakteren: mein Vater, Sona, meine Nichte… nette und einfache Leute, die gerne erzählen… wirklich tolle Protagonisten für Dokumentarfilme! Aber um von meiner Familie zu erzählen, muss ich auch von Nordkorea und der Geschichte der Zainichi Koreaner in Japan erzählen.

Kommen wir zu SONA, THE OTHER MYSELF. Der Film ist unter ganz anderen Umständen entstanden. Du hattest finanzielle Unterstützung aus Südkorea und ein südkoreanisches Team.

Nur das Postproduktionsteam war aus Südkorea. Bei den Dreharbeiten bin ich immer alleine. Nach DEAR PYONGYANG war ich total pleite, obwohl ich einige tolle Preise gewonnen hatte. Ich wollte nicht mehr für irgendwelche Fernsehproduktionsfirmen arbeiten. Aber ich wusste, dass ich noch einen Film über meine Nichte Sona machen wollte. Dann habe ich einen Anruf von einer südkoreanischen Produktionsfirma bekommen. Der Präsident der Firma hat sich sehr für DEAR PYONGYANG interessiert, und sie wollten unbedingt mit mir arbeiten. Sie haben mich nach Seoul eingeladen, und wir haben angefangen, SONA zu schneiden.

Ein Unterschied zwischen DEAR PYONGYANG und SONA ist, dass du sehr oft im Bild zu sehen bist. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Ehrlich gesagt wollte ich das gar nicht. Das Material, das ich für die beiden Dokumentarfilme DEAR PYONGYANG und SONA verwendet habe, wurde über einen langen Zeitraum gedreht, und ich bin da eigentlich immer wieder im Bild zu sehen. Besonders in den ersten Jahren, von 1995 und 1997, als ich noch nicht sicher wusste, dass ich einen Dokumentarfilm machen würde, habe ich mich so verhalten, als wäre ich eine ganz normale Besucherin, keine Filmemacherin oder Journalistin. Die Reisen nach Nordkorea waren immer offizielle Gruppenreisen, und es waren immer sehr viele Leute um mich herum. Das machte es manchmal schwierig, sich mit der Kamera zu bewegen, und so habe ich die Kamera einfach irgendwem gegeben mit der Bitte, meine Nichte und mich zu filmen. Das waren keine professionellen Dreharbeiten, eher wie Erinnerungsfotos machen.
Der Cutter für SONA war ein südkoreanischer Filmemacher (Jang Jin). Er ist ein echter Familienmensch, und er hat wirklich viel geweint während des Schnitts, weil er es so traurig fand, dass ich meine Nichte nicht mehr sehen konnte. Er liebte die Bilder von Sona und mir zusammen und wollte sie unbedingt verwenden, und am Ende habe ich nachgegeben.
Beim Schnitt von SONA fühlte ich mich bereit, ehrlicher, direkter zu sein als bei DEAR PYONGYANG. Das war schwierig, weil meine Mutter mich bat, die Krankheit meines Bruders nicht zu erwähnen. Aber das war wirklich wichtig für mich. Ehrlich sein kostet viel Kraft.

Warum hast du dich entschieden, die Geschichte von OUR HOMELAND als Spielfilm umzusetzen und welche Erfahrungen hast du dabei gemacht?

Während der Dreharbeiten habe ich festgestellt, dass man in Spielfilmen die Realität manchmal besser darstellen kann als im Dokumentarfilm. Weil man im Dokumentarfilm bestimmte Dialoge und Gesichtsausdrücke einfach nicht einfangen kann. Ich hatte großartige Schauspieler, besonders die jungen Darsteller, Ando Sakura und Iura Arata. Als ich Ando Sakura zusah, wurde mir klar, dass ich wirklich so einen Gesichtsausdruck gehabt haben muss, als ich mich von meinem Bruder verabschiedet habe. Vorher wusste ich das nicht. Das war wirklich eine interessante Erfahrung. Bei den Dreharbeiten wurde ich von meinen Erinnerungen geradezu überwältigt. Ich habe wirklich viel geweint, nicht am Set, aber hinterher, auf der Toilette oder zu Hause.
Einmal, als ich weinte, kam Iura Arata zu mir. Er dachte, dass ich nervös sei, weil ich eine Anfängerin war, und wollte mich trösten. Ich erklärte ihm, dass durch das gute Schauspiel meine Erinnerungen hochgekommen seien. Da sagte er: Dann ist ja alles in Ordnung. Bitte weinen Sie!

Was ist dein nächstes Projekt?

Ich beende gerade meinen ersten Roman. Er wird im Dezember fertig. Und nächstes Jahr werde ich sehr viel zu tun haben… Ich drehe einen Dokumentarfilm über meine Mutter, und ich werde ein neues Drehbuch schreiben. Es ist eine Liebesgeschichte zwischen einem Japaner und einer Koreanerin. Aber diese Frau ist ein bisschen kompliziert. Nicht einfach nur eine in Japan geborene Zainichi Koreanerin… du wirst es sehen!


Das Interview führte Susanne Mi-Son Quester am 29.11.2016 via skype